Eisenhaber, Friedrich                                                                                              

Biologisches Gärtnern?

Die Begriffe „biologisches Gärtnern“, „naturgemäßes Gärtnern“, „biologischer Anbau“ und viele andere Begriffe werden oft synonym und/oder nicht genau bezeichnend für eine naturnahe gärtnerische Produktion genutzt. Im einfachsten Fall wird gefolgert, dass keine chemisch hergestellten Stoffe, die Pflanzen beeinflussen, und keine größeren Mengen an Mineraldünger eingesetzt werden. Bei einer genaueren Betrachtung der Vorgänge ergibt sich ein sehr komplexes Bild mit vielen Faktoren. Unter Beachtung einiger Bedingungen sind im Kleingarten viele Varianten zum Annähern an eine naturnahe Produktion möglich.  

In unseren Breitengraden ist der Boden abhängig von seiner Zusammensetzung (z.B. Wassergehalt, Sand- u. Tonanteile) fast immer von Pflanzen bedeckt, wird beschattet und wenig bzw. gar nicht in seiner Struktur und Zusammensetzung verändert. Die in den verschiedenen Bodenschichten vorhandenen Lebewesen und Wurzeln haben sich in Jahren den Bedingungen angepasst. Verluste an Nährstoffen erleidet der Boden vor allem durch das Regenwasser, weniger durch pflanzenfressende Tiere, da diese die Ausscheidungen auf dem Boden lassen. Das Wasser verdünnt viele im Boden vorhandene Verbindungen (z.B. Stickstoff),  löst andere (z.B. Kalzium) und transportiert sie z.T. in das Grundwasser oder entfernt sie mit dem abfließenden Oberflächenwasser. Die gelösten Nährstoffe  können dann z.B. als Wasserhärte im Trinkwasser nachgewiesen werden.

Die an den Bodenkolloiden bzw. am Humus gebundenen und in den Pflanzen vorhandenen Nährstoffe bleiben längere Zeit für das Pflanzenwachstum vorrätig. Pflanzen können aber auch neue Nährstoffe bilden (z.B. binden Schmetterlingsblütler Stickstoff). Außerdem erhöhen alle Pflanzen durch ihre Ausscheidungen und nach ihrer Zersetzung den Humusgehalt und damit die Anzahl der Lebewesen im Boden. Nach relativ kurzer Zeit stellt sich ohne Störungen auf jedem Boden ein gewisser Kreislauf der Nährstoffe ein, der zu einer Verbesserung der Bodenqualität und des Pflanzenwachstums führt. 

Mit dem Anbau von Pflanzen werden viele Faktoren der natürlichen Bedingungen z.T. völlig verändert. Die ursprüngliche Pflanzenwelt des Bodens wird beseitigt, eine andere Pflanzenwelt wird entwickelt. Durch die Ernte werden dem Boden viele Nährstoffe entzogen.   

Um hohe Erträge zu erzielen, muss für die angebauten und z.T. gezüchteten (veränderten) Pflanzen ein konkurrenzfreier Raum geschaffen werden. Alle anderen Pflanzen werden durch das Graben, Pflügen oder Hacken beseitigt. Das Graben bzw. Pflügen verändern gleichzeitig die Schichtung, den Sauerstoffgehalt und andere Bedingungen im Boden. Viele Bodenorganismen aus tieferen Schichten sterben durch den plötzlich höheren Sauerstoffgehalt bzw. durch die folgende Austrocknung ab. Die Veränderung des Sauerstoffgehaltes führt auch zu einem höheren Humusabbau. Durch die tiefgründige Bodenbewegung können aber Kompost, Stalldung, grüne Pflanzenteile u.a. zur Erhöhung des Humusgehaltes eingetragen und die leicht zu durchwurzelnden Erdschichten vergrößert werden. Die tiefgründige Bearbeitung sollte aber jährlich nicht zu oft angewandt werden, da sie u.a. die Lebensbedingungen vieler Bodenorganismen zu stark verändert und den Humusabbau beschleunigt. 

Aus biologisch-gärtnerischer Sicht ist das Umgraben im Herbst und damit die Überwinterung des unbedeckten Bodens („freie Scholle“) ein Negieren der natürlichen Bedingungen. Ein freier Boden ist zu stark den Witterungsbedingungen (z.B. Frost, Sonnenschein) ausgesetzt. Durch den in den Herbst- und Wintermonaten fallenden Regen werden außerdem viele im Boden gelöste oder nicht sehr fest gebundene Nährstoffe ausgewaschen. Natürlicher wäre nach der Ernte das Aufrauen des Bodens mit dem Grubber und die Einsaat von Zwischenfrüchten (z.B. Senf, Lupinen, Phacelia) oder das Mulchen des Bodens mit grobem Kompost, Stroh oder Grasschnitt. Die Zwischenfrüchte können als Pflanzenmumien oder als wachsende Pflanzen (z.B. Winterroggen) auf dem Boden verbleiben, beschatten ihn, nehmen viele Nährstoffe auf und speichern sie. Beim Untergraben im Frühjahr erhöhen die Pflanzen den Humusgehalt und setzen Nährstoffe für die neuen Kulturen frei. Die im bedeckten Boden lebenden Organismen können deshalb auch im Winter relativ ungestört arbeiten.  

Mit dem Ernten der Pflanzen verliert der Boden viele Nährstoffe, die ersetzt werden müssen. Aus biologisch-gärtnerischer Sicht sind leicht lösliche und stark konzentrierte mineralische (z.B. nitrat-, phosphorhaltige) Dünger nur sehr bedingt und gezielt einzusetzen. Sie können bei unkontrollierter Anwendung das Nährstoffangebot bzw. den pH-Wert innerhalb kurzer Zeit sehr stark verändern und zu einem ungesunden Wachstum führen. Der Nährstoffverlust durch die Ernte kann vor allem durch Kompost, Mist, selbst hergestellte Jauchen, Hornspäne u.a. ersetzt werden. Daneben dienen kalzium-, phosphor- und kaliumhaltige Gesteinsmehle der Bodenverbesserung und Düngung. Alle diese Dünger enthalten z.T. geringe Nährstoffkonzentrationen und geben die Nährstoffe über einen längeren Zeitraum unter Mitwirkung der Bodenorganismen frei. Um auch mit ihnen nicht zu überdüngen, sind in gewissen Abständen Bodenuntersuchungen z.B. hinsichtlich des Kalk- und Kaliumgehaltes vorteilhaft. Die Untersuchungen können in zentralen Laboren oder als Übersicht mit den in den Gartencentern zu kaufenden Reagenzien erfolgen.

Die in der Natur vorhandene Pflanzenvielfalt kann im Garten durch eine Mischkultur in einem gewissen Umfang nachgestaltet werden. Sie gewährleistet z.T. bessere Anbauerfolge und oft einen natürlichen (selektiven) Pflanzenschutz. Verschiedene Pflanzen können sich durch ihre Ausscheidungen im Wachstum und in der Krankheitsabwehr  unterstützen. Günstige Mischkulturen sind z.B. Erdbeeren, Knoblauch (hemmt Grauschimmel), Porree und  Zwiebeln oder Kohlrabi und Tomaten. Keine guten Nachbarn sind z.B. Erbsen und Tomaten, Erdbeeren und Kohlarten.

Ein naturgemäßer Anbau beachtet u.a. auch die optimalen Saat- und Pflanztermine, die günstigen Fruchtfolgenmöglichkeiten, die Temperaturansprüche, den Belichtungs- und Wasserbedarf der einzelnen Pflanzenarten. Es sind immer wieder hochwertige, gesunde, tolerante und standortgerechte Pflanzen auszuwählen. Der Anbau von Exoten und Koniferen erfolgt in einem geringen Umfang. Auch Pflanzen mit gefüllten Blüten (z.B. Blüten mit verkümmerten Staubbeuteln) und viele andere, oft skurrile Neuzüchtungen sind der natürlichen Umwelt und der Vielfalt im Garten nicht förderlich. Chemisch hergestellte und z.T. wenig selektiv wirkende Pflanzenschutzmitteln werden bei der biologisch-gärtnerischern Produktion prinzipiell nicht eingesetzt. Viele Krankheitserreger bzw. Schädlinge lassen sich auch mit Pflanzenauszügen bzw. mit Mischkulturen und mit dem Anbau neuer resistenter bzw. toleranter Pflanzensorten mindern. Zur Abwehr von Schädlingen und zur Stärkung der Pflanzen können z.B. auch Auszüge bzw. Tee`s  aus Brennnesseln, Wermut und Schachtelhalm eingesetzt werden.  

Von großer Bedeutung ist neben dem Anbau der Pflanzen auch die Eingliederung von unterschiedlichen Kleinbiotopen in die Gartengestaltung (Vernetzung von Biotopen). Sie bieten verschiedenen Bewohnern Nahrung, Versteck-, Brut- und Überwinterungsplätze, erhöhen die Artenvielfalt und leisten damit einen Beitrag zur Erhaltung des biologischen Gleichgewichts. Kleinbiotope (z.B. Trockenmauern, Reisighaufen, Teiche, Hecken, freie Sandflächen) locken viele Besucher an, die dann den Garten als ständigen Aufenthalt nutzen.  

Das naturnahe Gärtnern ist kein fest stehendes Konzept. Es ist ein Sich-Bemühen, ein Lernen und Suchen nach neuen Ideen für eine naturähnliche Produktion im Garten. Sicher ist es mit kleineren oder größeren Misserfolgen verbunden, aber es bereitet viel Freude, wenn Erfolge erzielt werden. Entscheidend ist auch die Gewissheit, dass für die Natur, für die Umwelt und für sich ein Beitrag geleistet wird.