Eisenhaber, Friedrich Dresden, im November 2011
Biologisches
Gärtnern?
Die Begriffe
biologisches Gärtnern, naturgemäßes
Gärtnern, biologischer Anbau und viele andere
Begriffe werden oft synonym und/oder nicht genau bezeichnend für
eine naturnahe gärtnerische Produktion genutzt. Im einfachsten
Fall wird gefolgert, dass keine chemisch hergestellten Stoffe,
die Pflanzen beeinflussen, und keine größeren Mengen an
Mineraldünger eingesetzt werden. Bei einer genaueren Betrachtung
der Vorgänge ergibt sich ein sehr komplexes Bild mit vielen
Faktoren. Unter Beachtung einiger Bedingungen sind im Kleingarten
viele Varianten zum Annähern an eine naturnahe Produktion
möglich.
In unseren
Breitengraden ist der Boden abhängig von seiner Zusammensetzung
(z.B. Wassergehalt, Sand- u. Tonanteile) fast immer von Pflanzen
bedeckt, wird beschattet und wenig bzw. gar nicht in seiner
Struktur und Zusammensetzung verändert. Die in den verschiedenen
Bodenschichten vorhandenen Lebewesen und Wurzeln haben sich in
Jahren den Bedingungen angepasst. Verluste an Nährstoffen
erleidet der Boden vor allem durch das Regenwasser, weniger durch
pflanzenfressende Tiere, da diese die Ausscheidungen auf dem
Boden lassen. Das Wasser verdünnt viele im Boden vorhandene
Verbindungen (z.B. Stickstoff), löst andere (z.B. Kalzium)
und transportiert sie z.T. in das Grundwasser oder entfernt sie
mit dem abfließenden Oberflächenwasser. Die gelösten
Nährstoffe können dann z.B. als Wasserhärte im
Trinkwasser nachgewiesen werden.
Die an den
Bodenkolloiden bzw. am Humus gebundenen und in den Pflanzen
vorhandenen Nährstoffe bleiben längere Zeit für das
Pflanzenwachstum vorrätig. Pflanzen können aber auch neue
Nährstoffe bilden (z.B. binden Schmetterlingsblütler
Stickstoff). Außerdem erhöhen alle Pflanzen durch ihre
Ausscheidungen und nach ihrer Zersetzung den Humusgehalt und
damit die Anzahl der Lebewesen im Boden. Nach relativ kurzer Zeit
stellt sich ohne Störungen auf jedem Boden ein gewisser
Kreislauf der Nährstoffe ein, der zu einer Verbesserung der
Bodenqualität und des Pflanzenwachstums führt.
Mit dem Anbau von
Pflanzen werden viele Faktoren der natürlichen Bedingungen z.T.
völlig verändert. Die ursprüngliche Pflanzenwelt des Bodens
wird beseitigt, eine andere Pflanzenwelt wird entwickelt. Durch
die Ernte werden dem Boden viele Nährstoffe entzogen.
Um hohe Erträge zu
erzielen, muss für die angebauten und z.T. gezüchteten
(veränderten) Pflanzen ein konkurrenzfreier Raum geschaffen
werden. Alle anderen Pflanzen werden durch das Graben, Pflügen
oder Hacken beseitigt. Das Graben bzw. Pflügen verändern
gleichzeitig die Schichtung, den Sauerstoffgehalt und andere
Bedingungen im Boden. Viele Bodenorganismen aus tieferen
Schichten sterben durch den plötzlich höheren Sauerstoffgehalt
bzw. durch die folgende Austrocknung ab. Die Veränderung des
Sauerstoffgehaltes führt auch zu einem höheren Humusabbau.
Durch die tiefgründige Bodenbewegung können aber Kompost,
Stalldung, grüne Pflanzenteile u.a. zur Erhöhung des
Humusgehaltes eingetragen und die leicht zu durchwurzelnden
Erdschichten vergrößert werden. Die tiefgründige Bearbeitung
sollte aber jährlich nicht zu oft angewandt werden, da sie u.a.
die Lebensbedingungen vieler Bodenorganismen zu stark verändert
und den Humusabbau beschleunigt.
Aus
biologisch-gärtnerischer Sicht ist das Umgraben im Herbst und
damit die Überwinterung des unbedeckten Bodens (freie
Scholle) ein Negieren der natürlichen Bedingungen. Ein
freier Boden ist zu stark den Witterungsbedingungen (z.B. Frost,
Sonnenschein) ausgesetzt. Durch den in den Herbst- und
Wintermonaten fallenden Regen werden außerdem viele im Boden
gelöste oder nicht sehr fest gebundene Nährstoffe ausgewaschen.
Natürlicher wäre nach der Ernte das Aufrauen des Bodens mit dem
Grubber und die Einsaat von Zwischenfrüchten (z.B. Senf,
Lupinen, Phacelia) oder das Mulchen des Bodens mit grobem
Kompost, Stroh oder Grasschnitt. Die Zwischenfrüchte können als
Pflanzenmumien oder als wachsende Pflanzen (z.B. Winterroggen)
auf dem Boden verbleiben, beschatten ihn, nehmen viele
Nährstoffe auf und speichern sie. Beim Untergraben im Frühjahr
erhöhen die Pflanzen den Humusgehalt und setzen Nährstoffe für
die neuen Kulturen frei. Die im bedeckten Boden lebenden
Organismen können deshalb auch im Winter relativ ungestört
arbeiten.
Mit dem Ernten der
Pflanzen verliert der Boden viele Nährstoffe, die ersetzt werden
müssen. Aus biologisch-gärtnerischer Sicht sind leicht
lösliche und stark konzentrierte mineralische (z.B. nitrat-,
phosphorhaltige) Dünger nur sehr bedingt und gezielt
einzusetzen. Sie können bei unkontrollierter Anwendung das
Nährstoffangebot bzw. den pH-Wert innerhalb kurzer Zeit sehr
stark verändern und zu einem ungesunden Wachstum führen. Der
Nährstoffverlust durch die Ernte kann vor allem durch Kompost,
Mist, selbst hergestellte Jauchen, Hornspäne u.a. ersetzt
werden. Daneben dienen kalzium-, phosphor- und kaliumhaltige
Gesteinsmehle der Bodenverbesserung und Düngung. Alle diese
Dünger enthalten z.T. geringe Nährstoffkonzentrationen und
geben die Nährstoffe über einen längeren Zeitraum unter
Mitwirkung der Bodenorganismen frei. Um auch mit ihnen nicht zu
überdüngen, sind in gewissen Abständen Bodenuntersuchungen
z.B. hinsichtlich des Kalk- und Kaliumgehaltes vorteilhaft. Die
Untersuchungen können in zentralen Laboren oder als Übersicht
mit den in den Gartencentern zu kaufenden Reagenzien erfolgen.
Die in der Natur
vorhandene Pflanzenvielfalt kann im Garten durch eine Mischkultur
in einem gewissen Umfang nachgestaltet werden. Sie gewährleistet
z.T. bessere Anbauerfolge und oft einen natürlichen (selektiven)
Pflanzenschutz. Verschiedene Pflanzen können sich durch ihre
Ausscheidungen im Wachstum und in der Krankheitsabwehr unterstützen.
Günstige Mischkulturen sind z.B. Erdbeeren, Knoblauch (hemmt
Grauschimmel), Porree und Zwiebeln oder Kohlrabi und
Tomaten. Keine guten Nachbarn sind z.B. Erbsen und Tomaten,
Erdbeeren und Kohlarten.
Ein naturgemäßer
Anbau beachtet u.a. auch die optimalen Saat- und Pflanztermine,
die günstigen Fruchtfolgenmöglichkeiten, die
Temperaturansprüche, den Belichtungs- und Wasserbedarf der
einzelnen Pflanzenarten. Es sind immer wieder hochwertige,
gesunde, tolerante und standortgerechte Pflanzen auszuwählen.
Der Anbau von Exoten und Koniferen erfolgt in einem geringen
Umfang. Auch Pflanzen mit gefüllten Blüten (z.B. Blüten mit
verkümmerten Staubbeuteln) und viele andere, oft skurrile
Neuzüchtungen sind der natürlichen Umwelt und der Vielfalt im
Garten nicht förderlich. Chemisch hergestellte und z.T. wenig
selektiv wirkende Pflanzenschutzmitteln werden bei der
biologisch-gärtnerischern Produktion prinzipiell nicht
eingesetzt. Viele Krankheitserreger bzw. Schädlinge lassen sich
auch mit Pflanzenauszügen bzw. mit Mischkulturen und mit dem
Anbau neuer resistenter bzw. toleranter Pflanzensorten mindern.
Zur Abwehr von Schädlingen und zur Stärkung der Pflanzen
können z.B. auch Auszüge bzw. Tee`s aus Brennnesseln,
Wermut und Schachtelhalm eingesetzt werden.
Von großer Bedeutung ist neben dem Anbau
der Pflanzen auch die Eingliederung von unterschiedlichen
Kleinbiotopen in die Gartengestaltung (Vernetzung von Biotopen).
Sie bieten verschiedenen Bewohnern Nahrung, Versteck-, Brut- und
Überwinterungsplätze, erhöhen die Artenvielfalt und leisten
damit einen Beitrag zur Erhaltung des biologischen
Gleichgewichts. Kleinbiotope (z.B. Trockenmauern, Reisighaufen,
Teiche, Hecken, freie Sandflächen) locken viele Besucher an, die
dann den Garten als ständigen Aufenthalt nutzen.
Das naturnahe Gärtnern ist kein fest
stehendes Konzept. Es ist ein Sich-Bemühen, ein Lernen und
Suchen nach neuen Ideen für eine naturähnliche Produktion im
Garten. Sicher ist es mit kleineren oder größeren Misserfolgen
verbunden, aber es bereitet viel Freude, wenn Erfolge erzielt
werden. Entscheidend ist auch die Gewissheit, dass für die
Natur, für die Umwelt und für sich ein Beitrag geleistet wird.